Ich möchte dir heute von einem Moment erzählen, der mir sehr oft begegnet und mich immer wieder sehr bewegt.
Es ist Freitag vormittag. Eine Klientin sitzt mir gegenüber. Sie hat mir im Erstgespräch gerade erzählt, wie sehr sie an den Strukturen in ihrer Arbeit leidet. Von der neuen Chefin, die noch viel zu wenig Überblick über das Team hat und überhaupt kein Verständnis für ihre Anliegen zeigt. Von der Kollegin, die in eine andere Abteilung gewechselt hat, und die ihr jetzt als mentaler Ankerpunkt fehlt. Und vom Gehalt, das ihr jetzt gekürzt wird, weil die Personalabteilung durch einen Systemfehler ihr über Monate zu viel ausbezahlt hat.
Ihre Finger zupfen energisch an ihrem Taschentuch, so als wollte sie es um jeden Preis in allerkleinste Stücke verwandeln. Ihr Körper ist so angespannt, als müsse sie jeden Moment aufbrechen. Ihre Augen suchen unruhig einen Fixpunkt im Zimmer.
Viele Frauen sitzen mir so gegenüber, ganz egal ob, im Erstgespräch, in der Beratung, manchmal vermitteln sie es einfach in einer Nachricht, die sie mir schreiben und in der sie ihre Arbeitssituation schildern. Manchmal stockend. Manchmal mit einem leisen Lachen, das eigentlich keines ist.
Und dann kommt dieser Satz.
„Ich weiß, dass es nicht gut ist. Aber was soll ich machen? Etwas Besseres finde ich sowieso nicht.“
Ich kenne diesen Satz. Ich kenne ihn nicht nur aus der Beratung.
Ich kenne ihn aus meinem eigenen Leben.

4 Gründe, warum wir ausharren und warum das kein Versagen ist
Bevor ich dir erkläre, was hinter diesem Ausharren steckt, möchte ich eines klarstellen: Ausharren ist keine Schwäche.
1. Es ist eine Schutzstrategie.
Unser Gehirn lernt sehr früh: Was bekannt ist, ist sicher. Was unbekannt ist, ist gefährlich. Und selbst wenn die bekannte Situation schmerzt, sie ist dennoch vertraut. Und Vertrautheit gibt unserem Gehirn das Signal: Ich weiß, was kommt. Ich überlebe das.
Das Unbekannte hingegen löst echte Angst aus. Nicht weil wir feige sind. Sondern weil unser System uns schützen will.
2. Sicherheit
Dazu kommt das Sicherheitsmotiv. Für viele Frauen, die ich begleite, ist finanzielle Sicherheit kein schönes Extra, sondern sie ist ein tiefes Grundbedürfnis. Dieses Bedürfnis ist oftmals geprägt durch Erfahrungen aus der Kindheit, in denen finanzielle Unsicherheit vielleicht wirklich bedrohlich war.
3. Versunkene Kosten
Als dritter Grund Und jetzt möchte ich dir jetzt einen Begriff vorstellen, der eigentlich aus der Wirtschaft kommt, der aber ein sehr bewegendes Thema beschreibt.
Er heißt: Sunk Cost Fallacy.
Auf Deutsch: „der Trugschluss der versunkenen Kosten“.
Dieser Begriff beschreibt unsere Tendenz, ein Vorhaben unbedingt weiterzuverfolgen, wenn man bereits Zeit, Mühe oder Geld in dieses investiert hat. Dabei ist es egal, ob die aktuellen Kosten den zukünftigen Nutzen noch überwiegen oder nicht. (Quelle: Lexikon Stangl)
Das bedeutet, wenn wir schon viel Zeit, Geld und Energie z. B. in eine Ausbildung oder eine Arbeit gesteckt haben, die schwer war zu erlange, dass wir dann das Gefühl haben, wir dürfen das nie wieder aufgeben.
Ich habe schon zehn Jahre in diesem Job investiert.
Ich habe die Ausbildung dafür gemacht.
Ich habe so hart gekämpft, um diese Stelle zu bekommen.
Ich habe so viel aufgegeben, um hierher zu kommen.
Ich kann jetzt nicht einfach gehen.
Klingt das bekannt?
Die Sunk Cost Fallacy hält uns davon ab, schlechte Entscheidungen zu korrigieren, weil wir schon so viel investiert haben (Quelle: Arbeits-ABC).
Und das Tückische daran ist: Es ist kein Versagen. Es ist ein zutiefst menschlicher, wissenschaftlich belegter Mechanismus.
Forscher wie Daniel Kahneman und Amos Tversky haben gezeigt, dass Menschen den Verlust dieser bereits aufgewendeten Zeit, Energie und Geld als größer empfinden als gleichwertige Gewinne (Quelle: Biases). Der Schmerz, etwas zu verlieren, also das Gefühl, dass die investierten Jahre umsonst waren, wiegt psychologisch schwerer als die Vorstellung, etwas Besseres zu gewinnen.
Unser Gehirn rechnet dabei falsch.
Nicht aus Dummheit.
Sondern weil es uns schützen will.
Aber hier ist die Wahrheit, die ich dir heute mitgeben möchte:
Die Jahre, die du bereits investiert hast, sind nicht verloren, egal wohin du gehst.
Aber jede Qualifikation, jede gesammelte Erfahrung, jede Kompetenz, das alles bleibt dir erhalten. Berufserfahrung und Wissen verlieren nicht an Wert, nur weil du die Stelle wechselst. Sie sind dein persönliches Kapital. (Quelle: Arbeits-ABC)
Du nimmst alles mit. Du lässt nichts zurück.
Was du zurücklässt, ist nur das, was dir schadet.
Und dann noch ein Satz, der mich besonders berührt hat und den ich dir gerne mitgebe:
„Halte nicht an einem Fehler fest, nur weil du viel Zeit damit verbracht hast, ihn zu begehen.“
Das ist keine Aufforderung zur Selbstkritik. Es ist eine Einladung zur Selbstmitgefühl.
Und dann ist da noch ein vierter Grund. Etwas, das ich sogar für das Tiefste halte.
4. Das Gefühl, nichts Besseres zu verdienen.
Das ist kein bewusster Gedanke. Es ist ein Unterton. Eine innere Überzeugung, die flüstert: Du bist zu viel. Du bist zu sensibel. Du passt nicht so einfach rein. Sei froh, dass überhaupt jemand dich will.
Das ist Scham in ihrer stillsten Form. Und sie hält uns dort, wo wir sind.

Die Orchidee und was die Wissenschaft uns sagt
Ich möchte dir jetzt ein Bild mitgeben, das mich selbst immer wieder berührt und daran erinnert, wie sensible Menschen ticken.
Stell dir eine Orchidee vor.
Sie ist wunderschön. Filigran. Komplex. Tiefgründig in ihrer Art zu wachsen.
Und stell dir jetzt vor, du stellst sie in den eisigen Wind. In Bedingungen, die nicht für sie gemacht sind. Was wird dann mit ihr passieren?
Vielleicht überlebt sie eine Weile.
Aber blühen wird sie nicht.
Wirklich erblühen wird sie nur in einem Umfeld, das ihr guttut. Das ihre Bedürfnisse kennt und ernst nimmt.
Nicht umsonst werden hochsensible Frauen so oft mit Orchideen verglichen.
Und die Wissenschaft gibt uns dafür einen Namen: Vantage Sensitivity. Dieser Begriff wurde von den Forschern Michael Pluess und Jay Belsky entwickelt.
Der Kern davon beschreibt ganz klar: Hochsensible Menschen reagieren stärker auf ihre Umgebung. Und was extrem wichtig ist. Auf schlechte Umgebungen genauso wie auf gute.
In einem Umfeld, das nicht passt, leiden hochsensible Frauen mehr als andere. Das ist die schwierige Seite.
Aber in einem Umfeld, das passt und das auf ihre Stärken sieht, ihre Tiefe schätzt, ihnen Raum gibt, da blühen hochsensible Frauen sogar mehr auf als andere.
Das ist keine Schwäche. Das ist das Orchideen-Prinzip in der Wissenschaft.
Und das verändert die Frage vollständig.
Die Frage ist nicht: Wie werde ich weniger sensibel, damit ich überall zurechtkomme?
Die Frage ist: Welches Umfeld brauche ich wirklich, damit ich aufblühen kann?
Du brauchst kein dickeres Fell. Du hast das richtige Umfeld verdient.

Der erste Schritt: dich selbst kennenlernen
Jetzt kommt der Teil, der dich vielleicht überrascht.
Wenn ich Frauen dann frage: Was willst du stattdessen? dann kommt oft eine lange Pause.
Und dann: „Ich weiß es nicht genau.“
Und auch das ist vollkommen verständlich. Wenn du lange in einem Umfeld ausgeharrt hast, das nicht gepasst hat, verlierst du dich selbst schön langsam aus den Augen. Du weiß zwar sehr genau, was du nicht mehr willst. Aber was du stattdessen willst und was dich wirklich zum Blühen bringt, das ist oft noch in einem dichten Nebel verborgen.
Deshalb sage ich immer: Der erste Schritt ist nicht der Jobwechsel oder sofort alles hinzuschmeißen.
Der erste Schritt ist, dich selbst erstmal so richtig gut kennenzulernen. Wirklich. In der Tiefe.
- Was sind deine Werte? Und nicht die, die du gelernt hast zu haben, sondern die, die wirklich deine sind?
- Welche Arbeit lässt dich abends erschöpft aber erfüllt ins Bett gehen, anstatt leer und ausgelaugt?
- Welche Menschen, welche Strukturen, welches Miteinander tut dir wirklich gut?
Diese Fragen verdienen keine schnellen Antworten.
3-Zahnräder-Modell
Deshalb arbeite ich in meinem Mentoring mit dem Drei-Zahnräder-Modell, drei Bereiche, die ineinandergreifen müssen, damit berufliche Erfüllung wirklich entstehen kann:

Das BIO-Zahnrad – dein Nervensystem, dein Körper, deine Energie. Ohne Regulation kannst du gar nicht klar denken, was du wirklich willst.
Das PSYCHO-Zahnrad – deine Identität, deine Werte, dein innerer Kompass. Wer bist du wirklich? Unabhängig von den Rollen, die dir andere zugeschrieben haben.
Das STRUKTUR-Zahnrad – die konkreten Schritte. Wie sieht ein beruflicher Weg aus, der zu dir passt?
Alle drei müssen sich drehen. Wenn eines blockiert ist, stockt alles.
Denk daran. Du bist wie die Orchidee. Du bist nicht dafür gemacht, im eisigen Wind zu überleben.
Ich möchte diesen Artikel mit demselben Bild schließen, mit dem ich begonnen habe.
Die Orchidee im eisigen Wind überlebt vielleicht eine Weile. Aber irgendwann verblasst sie und irgendwann stirbt sie.
Du bist nicht dafür gemacht, nur geradeso zu überleben.
Du bist dafür gemacht, um zu blühen.
Und das fängt nicht damit an, dass du alles um dich veränderst. Es fängt damit an, dass du dich kennenlernst. Wirklich. In der Tiefe. Mit allem, was dazu gehört.
Wenn du spürst, dass du beruflich feststeckst. Dass du etwas nur mehr aushältst anstatt aufzublühen, dann findest du alle Informationen zu meinem 1:1 Mentoring auf meiner Website: www.silvia-wagner.at
Trau dich, hochsensibel zu sein. Die Welt braucht mehr davon.
Alles Liebe, deine Silvia









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