Wie die Wesensmerkmale der Hochsensibilität deinen Berufsalltag beeinflussen

Ich saß an meinem Schreibtisch und die Worte meiner Kollegin hallten noch immer in meinem Kopf, wie ein nie enden wollendes Echo.

Hatte sie das gerade wirklich gesagt?

Es war 1988. Ich war erst seit zwei Monaten in dieser Firma. Es war mein erster Job nach dem Handelsschulabschluss und ich konnte es gar nicht wirklich glauben, dass es so schnell geklappt hatte. Der vier Stunden lange Aufnahmetest, zu dem beide Abschlussklassen im Mai noch eingeladen waren und bei dem uns alle möglichen und unmöglichen Fragen zu Logik, Allgemeinwissen und was weiß ich noch alles gestellt wurden, hatte mich sehr gefordert. Meine Chancen, den auch nur annähernd geschafft zu haben, schien mir verschwindend gering. Immerhin waren wir über 40 Leute, die an dem Test teilnahmen und nur zwei davon wurden ausgewählt. Umso überraschter war ich, als mir meine Freundin strahlend erzählte, dass sie meinen Namen auf der Liste der „Aufgenommenen“ gelesen hatte.

Ich arbeitete also gerade erst seit ein paar Monaten in diesem ersten Job und saß alleine in einem Büro an einem Schreibtisch, an dem ein Kollege normalerweise Aufträge annahm und in den Computer eingab. Ich hatte noch keinen eigenen Schreibtisch, weil ich als Anfängerin noch immer in der Einschulungsphase war und meistens sowieso bei anderen Kolleg:innen zusah, lernte und mitschrieb. Außerdem hatte ich auch immer noch viel Papier zu schreddern, zu kopieren, abzulegen, Post zu verteilen usw.

Was mir aber am meisten Spaß machte, war, wenn ich bei der, wie es damals noch hieß, Sekretärin des Abteilungsleiters, lernen durfte. Sie war eine ruhige und freundliche Frau mittleren Alters, die schon seit ihre Lehrzeit in dieser Firma war, und mich mochte. Und ich freute mich immer, wenn sie mich zum Texte-, Briefe- oder Angebotschreiben zu sich holte. Unter anderem waren da auch große Angebote mit seitenlangen Texten und dicken Stapeln mit Angebotslisten zu kontrollieren. Diese Arbeit war zwar sehr aufwendig, aber es machte mir total viel Spaß, weil da konnte ich alleine in einem Büro sitzen und mich nur auf diese Tätigkeit konzentrieren.

Und gerade vor 5 Minuten hatte ich erleichtert durchgeatmet, als mir die Büroleiterin heute das erste Mal ein dezentes Lob ausgesprochen hatte. Sie meinte, sie würde jetzt endlich merken, dass ich angekommen bin.

Ich saß also gerade wieder umgeben von dicken Stapeln an Angebotslisten und arbeitete mich konzentriert Zeile um Zeile voran, als eine meiner jungen Team-kolleginnen hereinkam. Sie schloss die Tür und setzte sich mir gegenüber. Dabei sah sie mich direkt an und lächelte auf eine Weise, die in mir sofort die Alarmglocken zum Läuten brachten. Sie war grundsätzlich nett zu mir. Aber sie hatte mich auch schon öfter mit für mich unangenehmen Aussagen überrascht, die mich unvorbereitet trafen und sich wie ein Stachel anfühlten.

„Na, hast du wieder eine Menge Angebotslisten zu kontrollieren?“.

Stille.

„Ich will ja nichts sagen, aber du brauchst immer extrem lange für alles, was man dir aufträgt. Bist du wirklich so langsam, oder zögerst du das alles nur in die Länge?“

Und da war er wieder. Der Stachel. Gerade bohrte er sich so richtig tief hinein zwischen Herz und Magengegend.

Ganz langsam und schleichend verteilte er sein Gift wie glühende Lava hinter meinem Brustkorb. Bis es dann hinauf in meine Wangen stieg, sich schließlich hinter meine Augen ausbreitete und sie mit heißen Tränen füllten.

Was bitte war das?

Jahrzehntelang hatte ich nicht verstanden, warum ich so empfand.

Warum ging mir so eine Aussage so nahe?

Immer wieder versuchte ich mich selbst zu beschwichtigen, sie hätte doch gar nichts Böses gesagt. Aber dieser Stachel ging nicht weg. Er hatte das Gedankenkarussell so richtig schön angestupst. Selbstzweifel gepaart mit Minderwertigkeitsgefühlen.
Gedanken über mögliche Konsequenzen und dem „Was denken denn jetzt die anderen über mich?“.
Und damit die Gefühle auch ja nicht verebbten, immer wieder diese Selbstverurteilungsgedanken.
Das Karussell drehte sich unaufhörlich. Wochen-, tage- und nächtelang.

Was zurückblieb war, dass ich dachte:

  • Ich bin zu langsam.
  • Ich bin zu schwach.
  • ich bin zu emotional.
  • Ich bin zu empfindlich.
  • Ich bin zu dumm.
  • Ich halte nichts aus.
  • Ich bin nicht gut genug.

Jahrzehntelang dachte ich so.

Bis ich vor ca. 15 Jahren endlich verstanden habe, dass ich deswegen so empfinde, weil ich hochsensibel bin.

Das Akronym der 4 Wesensmerkmale – DOES

Elaine Aron hat dabei 4 Wesensmerkmale der Hochsensibilität definiert, die sie mit dem Akronym DOES beschrieb:

  1. D = Depth of Processing (Tiefe der Informationsverarbeitung)
    • Was es bedeutet: du verarbeitest Informationen viel tiefer.
    • Berufliche Auswirkung: Du brauchst mehr Zeit für Entscheidungen, weil du viel vernetzter denkst und viel mehr auch das „Danach“ miteinbeziehst, sei es in Form von Konsequenzen, Auswirkungen und Nachhaltigkeit.
    • Meine Geschichte: Jahrzehntelang dachte ich, ich bin einfach zu langsam, um Dinge zu verstehen.
    • Meine Erkenntnis: Ich bin nicht zu langsam, sondern ich bin gründlich.
    • Beruflich Erfüllung findest du deshalb in Berufen, die Tiefe erlauben (z. B. Beratung, Forschung, uvm.)
  2. O = Overstimulation (Überreizung)
    • Was es bedeutet: Du bist schneller überreizt, weil dein Nervensystem viel mehr Reize aufnimmt und verarbeiten muss.
    • Berufliche Auswirkung: Du brauchst deshalb mehr Pausen, Ruhe, Struktur
    • Meine Geschichte: Jahrzehntelange dachte ich, ich wäre nicht belastbar genug.
    • Meine Erkenntnis: Ich brauche Pausen, nicht „mehr Durchhaltevermögen“, dann bin ich sogar sehr belastbar.
    • Berufliche Erfüllung findet die in Berufen oder Arbeitsmodellen, in denen du flexibel sein kannst (z. B. Selbständigkeit, Teilzeit, Gleitzeit, usw.)
  3. E = Emotional Reactivity (Emotionale Reaktivität)
    • Was es bedeutet: Du empfindest Gefühle intensiver.
    • Berufliche Auswirkung: Du brauchst eine Arbeit, die für dich Sinn macht, nicht nur dein Leben finanziert.
    • Meine Geschichte: Jahrelang habe ich nach einen Beruf mit Sinn gesucht.
    • Meine Erkenntnis: Sinn ist für mich nicht verhandelbar, entweder ich verspüre ihn oder nicht.
    • Berufliche Erfüllung findest du in Berufen, die dich mit Sinn erfüllen (z. B. Soziale Berufe, Beratung, mit Tieren, Kreativberufe usw.)
  4. S = Sensing the Sublte (Sinnessensibilität)
    • Was es bedeutet: Deine Sinne nehmen viel mehr Feinheiten wahr.
    • Berufliche Auswirkungen: Du siehst, spürst, hörst oder riechst Dinge, die andere nicht mitbekommen.
    • Meine Geschichte: Mein Leben lang dachte ich, das würde jeder andere Mensch auch. Deshalb verstand ich nicht, wenn sie es nicht taten.
    • Meine Erkenntnis: Das ist eine Stärke, keine Schwäche.
    • Berufliche Erfüllung findest du in Berufen, in denen du deine jeweiligen Sinnesausprägungen leben kannst.

Erst als ich Anfang 40 war und das alles erkannte, fing alles an, endlich Sinn zu ergeben.

Die jahrzehntelange Suche.
Das viele Ausprobieren und nicht Ankommen.
Das geringe Selbstwertgefühl.
Die Sehnsucht nach dem Verstanden-werden.
Die Überforderung.
Die Gefühle und Gedanken in meiner ersten Arbeitsstelle 1988.

Und seit 10 Jahren?

Seit 10 Jahren habe ich meine berufliche Erfüllung gefunden.
Weil ich verstanden habe, WER ich bin.
Und WAS ich brauche.

Also was kannst du jetzt konkret tun?

  1. Erkenne deine Wesensmerkmale
    • Bei welchen der 4 Merkmale erkennst du dich wieder?
    • Wie beeinflussen sie deine berufliche Situation?
  2. Akzeptiere deine Wesensmerkmale
    • Sie sind keine Schwäche, sie sind deine Wahnsinnsstärke
    • Sie sind nicht verhandelbar, sondern ein Teil von dir, der gelebt werden will.
  3. Nutze deine Wesensmerkmale
    • Welche Berufe passen zu deinen Wesensmerkmalen?
    • Welche Rahmenbedingungen brauchst du, um aufzublühen?

Du willst erfahren, wo du gerade stehst?

  • Dann gehe auf meine Website http://www.silvia-wagner.at und mache den kostenlosen „Berufliche-Erfüllung-Test“
  • Finde heraus, welcher berufliche Erfüllungs-Typ du bist

Hör auch gerne in die neue Podcastfolge dazu rein.
Wenn du mehr darüber wissen möchtest, wie du als hochsensible Frau deinen berufliche Erfüllung finden kannst, dann folge mir auf meiner Website, auf Facebook oder Instagram oder hinterlasse mir eine WhatsApp Sprachnachricht unter 0699/11 66 39 84 und stell mir deine Fragen zu.

Ich werde sie dann in den kommenden Podcastfolgen und im Blog beantworten.

Trau dich hochsensibel zu sein, denn die Welt braucht mehr davon.

Alles Liebe

Deine Silvia


Entdecke mehr von Frau Sensibelchens Blog – Silvia Wagner

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Kommentar verfassen

Ich bin Silvia

Willkommen auf Frau Sensibelchens Blog. Ich bin Silvia Wagner, Mentorin für sensible Frauen und psychosoziale Beraterin. Auf meinem Blog nehme ich dich mit auf meine Reise vom hochsensiblen, schüchternen Mädchen zur Frau, die ihre Erfüllung im Berufsleben gefunden hat. Begleite mich durch meine Täler des Schmerzes, der Angst und der Selbstzweifel genauso, wie auf die Anhöhen des Glücks, der Freude und der Zuversicht.

Folge mir für mehr!

Podcast „Frau Sensibelchen – Der Mutmacherpodcast für sensible Vielseitigkeit“ – letzte Folgen

Entdecke mehr von Frau Sensibelchens Blog - Silvia Wagner

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen

Entdecke mehr von Frau Sensibelchens Blog - Silvia Wagner

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen