„Du musst nur loslassen.“
„Lass es doch einfach gehen.“
„Löse dich von alten Mustern.“
Wie oft haben wir so einen Satz schon gehört?
Endlose Male. Auch damals als ich im Café meiner Freundin gegenübersaß und gerade an meinem Latte Macchiato nippte. Ich wusste zwar, was sie meinte. Aber wie sollte ich einen Satz, der mich von klein auf geprägt hatte, mit dem aufgewachsen war und an den ich fast mein ganzes Leben lang geglaubt hatte, einfach so loslassen?
„Hör auf, wenn du es nicht schaffst. Dann bist du halt nicht gut genug,“ sagte meiner Vater auch diesmal wieder, als ich in der Handelsschule die Stenotypistinnenprüfung nicht bestanden hatte.
Ja, natürlich. Er musste doch recht haben. Er war schließlich mein Vater.
Wenn ich etwas nach mehrmaligem Üben noch immer nicht gut konnte, dann war ich dafür halt nicht geeignet. Dann konnte ich es halt einfach nicht.
Und diese Prüfung schaffte ich ja wirklich nicht. Ich tippte weder das Diktat in der notwendigen Geschwindigkeit mit wenig genug Fehlern mit der elektrischen Schreibmaschine ab, noch genügte die Leistung in Steno.
Im heutigen digitalen Zeitalter hat weder diese Prüfung noch die Bleistiftkritzeleien, die sich wie kleine dünne Würmer über die Seiten schlängelten irgendeinen Wert. Viele wissen wahrscheinlich gar nicht mehr, wovon ich hier überhaupt spreche. Aber vor fast 40 Jahren waren solche Dinge für einen halbwegs erfolgreichen Karrierestart als zukünftige Sekretärin ziemlich wichtig.
Ich war also wieder mal gescheitert.
In den Windungen meines Gehirns hatte sich ein Satz eingebrannt: „Wenn ich etwas neues lerne und ich mich nicht zumindest halbwegs geschickt anstelle, dass ich passable Erfolge vorweisen kann, dann bin ich halt nicht gut genug. Dann kann ich es halt einfach nicht. Dann bin ich halt nicht gut genug.“ Wieder mal.
Genauso wie beim Reiten, beim Klettern, beim Gitarrespielen, beim Schifahren …
Aber wie sollte ich so einen prägenden Satz einfach loslassen?
Wenn das so einfach wäre, hätte ich es doch längst getan.
Was Loslassen NICHT ist
Loslassen bedeutet nämlich nicht einfach, …
- etwas zu vergessen
- etwas zu verdrängen
- Gefühle einfach abzuschalten
- so zu tun, als ob es mir egal wäre.
Das wäre Unterdrückung.
Und Unterdrückung hat eine paradoxe Wirkung. Je mehr du nämlich versuchst, etwas nicht zu denken oder zu fühlen, desto stärker kommt es zurück. In der Psychologie nennt man das den „Rebound-Effekt“.
Dieser wurde 1987 mittels des „Eisbär-Experiments“ des Sozialpsychologen Daniel Wegner aus Harvard nachgewiesen. Dazu wurden die Teilnehmer:innen in zwei Gruppen eingeteilt. Der ersten Gruppe wurde gesagt: „Denken Sie an alles, außer an einen weißen Bären.“ Der zweiten: einfach „denken Sie an einen weißen Bären“.

Das Ergebnis war interessant. Diejenigen, die NICHT an den weißen Bären denken sollten, erwähnten den Bären nach 5 Minuten häufiger als diejenigen, die absichtlich daran dachten. Und mehr noch, als das Verbot aufgehoben wurde, erlebte die „unterdrückte“ Gruppe einen Rebound-Effekt: Die Gedanken über den Bären strömten mit doppelter Kraft herein ( https://mentalzon.com/de/post/7701/der-weiße-bär-der-keine-ruhe-lässt-warum-das-verbot-zu-denken-nur-die-aufdringlichkeit-verstärkt).
Loslassen heißt also nicht: wegdrücken.
Loslassen heißt: entkoppeln.
Damit löst du die automatische Steuerung.
Damit löst du diese innere Pflicht.
Damit löst du die Identifikation damit.
Warum überhaupt festhalten
Wir halten nicht an Glaubenssätzen oder Schmerzen fest, weil wir dumm sind.
Wir halten daran fest, weil es irgendwann einmal Sinn gemacht hat, sie zu glauben oder zu empfinden.‘
Weil sie uns einmal geschützt haben.
Beispiele:
- „Ich darf niemanden enttäuschen.“ – war vielleicht einmal eine Strategie, um dir Zugehörigkeit zu sichern.
- „Ich muss leisten, um wertvoll zu sein.“ – war vielleicht mal dein Weg, um Anerkennung zu bekommen.
- „Wenn ich wütend werde, werde ich abgelehnt.“ – war vielleicht wirklich so.
- Chronische Schmerzen können dich z. B. zu gewissen Verhaltensweisen „zwingen“, die dich vor chronischem Stress oder emotionaler Überlastung schützen.
- In meinem Fall hat der Satz „Ich kann es halt nicht“ mich davor geschützt, dass ich an Dingen dranbleiben oder etwas für mich Anstrengendes durchhalten musste.
Das Nervensystem speichert solche Erfahrungen als Überlebenslogik.
Deshalb macht es für das Nervensystem Sinn, Dinge nicht loszulassen, die es noch für notwendig hält.
Das ist der Grund, warum deine Versuche sich das Ganze „positiv zu denken“ scheitern. Weil dein Schutzmechanismus noch aktiv ist.
Mit der folgenden Methode gehst du das Loslassen wirkungsvoll an.

Das effektive 7 Schritte-Loslassen-Protokoll
- Schritt: Benenne, was du loslassen willst, so konkret wie möglich.
Welchen Satz willst du genau loslassen?
Beispiele:
„Ich will den Satz loslassen: Ich darf keine Fehler machen.“
„Ich will die Erwartung loslassen: Ich muss immer verfügbar sein.“
Beschreibe es so präzise wie möglich. - Schritt: Entlarve die Schutzfunktion
Frag dich: „Wovor schützt mich dieses Muster oder dieser Glaubenssatz oder dieser Schmerz?“
Fast immer handelt es sich um Ablehnung, Konflikt, Schuld, Kontrollverlust, Scham.
Dieses Entlarven ist entscheidend und reduziert den innerlichen Widerstand.
Du erkennst, dass du nicht schwach warst.
Im Gegenteil, du warst innerhalb deines damaligen Systems klug. - Schritt: Trenne Fakt, Gedanke, Gefühl und Impuls
Nimm eine konkrete Situation und zerlege sie mit folgenden Fragen:- Fakt: Was ist objektiv passiert?
- Gedanke: Welche Geschichte erzähle ich mir?
- Gefühl: Was fühle ich?
- Impuls: Was möchte ich jetzt automatisch tun?
- Schritt: Neubewertung statt Schönreden
Frag dich: Welche andere Interpretation ist ebenfalls hilfreich?
Beispiele:
„Vielleicht ist meine Angst übertrieben.“
„Vielleicht respektieren Menschen meine klaren Grenzen.“
„Vielleicht kann ich das trotzdem schaffen.“ - Schritt: Eine neue Erfahrung erzeugen (optional)
Alte Muster verändern sich nicht durch Nachdenken alleine, sondern durch korrigierende Erfahrung:- Du rufst ein altes Muster kurz realistisch wach (z. B. Erinnerung an eine Situation, in der du dich überangepasst hast)
- Du erzeugst eine neue Erfahrung, die dem alten Muster widerspricht (z. B. Ich sage freundlich Nein. Bitte um Bedenkzeit oder formuliere eine klare Grenze.)
Dann beobachte: Was passiert wirklich?
Wenn die befürchtete Katastrophe/Ereignis nicht eintritt, beginnt das Gehirn, das alte Muster zu überschreiben.
- Schritt: Wenn-Dann-Plan formulieren
Ein kleines konkretes Verhalten ist wichtiger als ein großes Versprechen.
Loslassen braucht Struktur.
Beispiel:
Wenn ich merke, dass ich aus Angst JA sagen will, dann halte ich kurz inne, atme ein paar mal aus und ein und sage: „Ich brauch einen Moment. Ich melde mich später.“ und entscheide bewusst. - Schritt: Das Nervensystem regulieren, damit das Loslassen abgespeichert werden kann
Erst Sicherheit ermöglicht Veränderung.- 60 Sekunden länger ausatmen als einatmen.
- Füße am Boden spüren.
- Schultern bewusst sinken lassen.
- Ein kurzer innerlicher Satz: „Ich bin sicher, um neu zu wählen.“

Was Loslassen wirklich bedeutet
Loslassen bedeutet nicht, dass es dir egal ist.
Loslassen bedeutet: Du darfst eine neue Wahl treffen.
Du reagierst nicht mehr automatisch.
Du funktionierst nicht mehr einfach nur reflexhaft.
Du fühlst dich innerlich nicht mehr verpflichtet.
Du bist FREI, bewusst zu entscheiden.
Und das ist der Unterschied zwischen automatischer Anpassung und Selbstführung.
Loslassen ist ein Training
Wenn du merkst, dass dich alte Glaubenssätze, Erwartungen anderer oder vielleicht sogar Schmerzen immer noch steuern, dann nimm dir in den nächsten drei Tagen jeden Tag sieben Minuten Zeit.
- Ein Glaubenssatz.
- Die sieben Schritte.
- Eine kleine neue Erfahrung.
Loslassen ist kein einmaliger Akt.
Es ist ein Trainingsprozess.
Vielleicht ist die wichtigste Frage nicht: Was muss ich loslassen?
Sondern:
Wer wäre ich ohne diese inneren Verpflichtungen?
Mir persönlich hat diese Übung sehr gut geholfen. Ich habe erlebt, dass ich halt manchmal ein paar bisschen mehr Übung brauche, um etwas zu bewältigen und dass Durchhalten für mich zum Erfolg führen kann.
In diesem Sinne wünsche ich dir viel Spaß beim Ausprobieren und beim Loslassen!
Deine Silvia










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